Zürcher Studierendenzeitung

Andrea Bruggmann

Klimastreik – Metamorphose oder Winterschlaf?

Die Bewegung kämpft um Aufmerksamkeit.

Noch vor drei Jahren hatten die Klimastreiks einen festen Platz in der medialen Berichterstattung. An einem einzigen Tag protestierten Hunderttausende in der ganzen Schweiz. Mit Ausbruch der Pandemie änderte sich dies schlagartig. Seither verdrängen andere Krisen den Klimawandel, auch wenn dieser nicht an Brisanz verloren hat. Die Expert*innen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) haben im Februar eine Warnung ausgesprochen – wieder einmal vor zunehmenden Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen als Folge der andauernden Untätigkeit. Wieso ist es trotz drohender Klimakatastrophe so still geworden um den Klimastreik? Seit Beginn der Pandemie behinderten Einschränkungen und Versammlungsverbote die Aktionen und erschwerten die Arbeit der Klimaaktivist*innen. «Oft wurden Regelungen gar nicht oder zu spät kommuniziert», erinnert sich die Studentin Anna Lindermeier, eine Aktivistin des Schweizer Klimastreiks. Die Einschränkungen der Demonstrationsfreiheit wurden teils auch vom Bundesgericht als unverhältnismässig gewertet. Erst im März 2021 rief der Klimastreik dann erneut zum Protest auf. Maskentragend, in Kleingruppen von fünf Personen und mit einem Abstand von zwei Metern sassen Aktivist*innen streikend auf dem Boden. Doch schon nach kurzer Zeit verwies sie die Polizei des Platzes.

Neuerdings überschattet auch der Krieg in der Ukraine das Klimathema. Für die Klimaaktivist*innen ist der Konflikt aber auch ein Anlass, um auf die Energiepolitik hinzuweisen, erklärt Lindermeier: «Erdgas ist nicht nachhaltig und finanziert Kriegstreiberei. Was es braucht, ist ein Aufschwung für erneuerbare Energien.» Die Klimastreik-Demo am 25. März richtete sich daher auch gegen den vom Schweizer Bundesrat geplanten Bau von Gaskraftwerken.

Interne Unstimmigkeiten

Doch auch intern läuft nicht alles rund. Ausgefallene Aktionen und die schwindende Aufmerksamkeit trübten die Stimmung. Der Wegfall von persönlichen Treffen erschwerte die Kommunikation. Insbesondere dort, wo schon vorher Unstimmigkeiten existierten, fehlt es an Koordination. Zum Beispiel beim «System Change», der von Teilen der Fridays-For-Future-Bewegung und auch vom Klimastreik gefordert wird. Was genau jedoch unter «System change» zu verstehen ist, sei innerhalb der Bewegung nicht definiert, so Lindermeier. Für die einen bedeutet er einen «Green New Deal» innerhalb des jetzigen Wirtschaftssystems, für die anderen die Revolution. Es geht um die Grundsatzfrage, ob Umweltschutz im Rahmen des Kapitalismus möglich sei. Gefährdet diese Debatte den Zusammenhalt? Anna Lindermeier ist diplomatisch:

«Es braucht eine Kombination von Massnahmen, die man im Kapitalismus erreichen kann, aber gleichzeitig braucht es eine Organisierung und einen Systemwandel von unten, um nachhaltig sozialgerecht leben zu können.»

Mobilisieren – und dann?

Bei den letzten Parlamentswahlen 2019, als die Klimastreik-Demos ihr grösstes Momentum erreichten, erzielten die Grünen ein historisches Ergebnis. Dieser Wahlerfolg spiegelt sich laut Lindermeier aber nicht in den politischen Massnahmen der Regierung wider. Es reiche offensichtlich nicht aus, Menschen nur einmalig zu mobilisieren. Ziel sei es, Freiwillige langfristig in die Bewegung zu integrieren. Am 9. April findet daher schweizweit gemeinsam mit Gewerkschaften und weiteren Kollektiven eine Demonstration für Arbeitszeitverkürzung statt. Der Schweizer Klimastreik wird vorne mit dabei sein. Unter dem neuen Namen «StrikeForFuture» wird der Klimastreik nun soziale Kämpfe mit der Klimabewegung verbinden und seine Anliegen wieder vermehrt auf die Strasse tragen.