Sandra Russo und ihre langjährige Mitarbeiterin Suada Redzepi. Una Rusca

Das Uniquartier verliert sein Herz

4. April 2022

Nach 20 Jahren Betrieb muss das Quartierlädeli «Russo» ausziehen.

Anfangs wollte dem Gerücht niemand glauben, dass der legendäre Russo bald schliessen müsse. Doch der Zettel an der Ladentür macht unmissverständlich klar: Ende März ist Schluss mit Pausenabstechern in den sympathisch kleinen Lebensmittelladen. Seit 20 Jahren ist der Russo das Herz des Quartiers und sowohl in der Nachbarschaft als auch unter Studierenden der Lieblingstreffpunkt schlechthin.

Die Kündigung erhielt die Ladenbesitzerin Sandra Russo bereits anfangs 2019: In sechs Monaten müsse sie mit ihrem Laden raus, denn das Gebäude werde totalsaniert. Die Liegenschaft gehört der BVK, der grössten Pensionskasse der Schweiz. Diese habe die Totalsanierung lange verschwiegen, so Russo. Zwei Jahre lang war nur von einem Umbau die Rede. Dennoch konnte die Ladenbesitzerin die Sanierung um knapp drei Jahre hinauszögern. «Ich akzeptierte die Kündigung nicht und ging zur Schlichtungsbehörde», erzählt sie.

Miete hat sich verdreifacht

Doch genützt hat am Ende alles nichts. Für die Zeit nach der Sanierung habe die BVK bereits eine*n Nachmieter*in gefunden. Wer das ist, will ihr aber niemand sagen. Die Miete werde sich etwa verdreifachen, schätzt Russo. «Das ‹Lädelisterben› ist denen egal», meint sie trocken. Jetzt schaut sie sich nach alternativen Standorten um. In der Umgebung lasse sich jedoch nichts finden. Und gerade der Standort sei für ihr Ladenkonzept zentral gewesen. Auch die seit diesem Jahr geschlossene Cafeteria im RWI wolle sie nicht aufnehmen.

Vor 20 Jahren hat Sandra Russo ihren Laden eröffnet – mit einer einzigen Kaffeemaschine. Nach und nach wuchs ihr Team und sie begann Lernende auszubilden. Von Anfang an habe sie versucht, sich den Studierenden anzupassen: «Wenn sich jemand ein neues Produkt wünschte, bemühte ich mich, es ins Sortiment aufzunehmen.» Der berühmte Russo-Kafi kostete dagegen schon immer nur einen Franken. «Ich habe mich immer in die Studierenden hineinversetzt und mich gefragt: Warum sollte ich nun plötzlich eins fünzig verlangen?»

«Das Team ist wie eine kleine Familie», meint Suada Redzepi, Russos Stellvertreterin. Seit 14 Jahren arbeitet sie im Laden. «Hier bin ich gross geworden. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an diesen Ort.» Wehmütig schaut sie sich im Geschäft um. Russo liegt die Beziehung zu ihren Angestellten am Herzen. «Wenn die Lernenden ihre Lehre abgeschlossen hatten, gingen wir immer ein verlängertes Wochenende weg: nach Paris, Amsterdam, … direkt von der Arbeit mit dem Koffer an den Flughafen», lacht sie. Aber es komme auch viel zurück: «Ich kam immer gerne zur Arbeit. Das Schönste war, wenn ich reinkam, und alles reibungslos lief. Alles war im Fluss, die Angestellten lachten und waren gut drauf. Das war für mich sehr wichtig.»

Vom Laden direkt ins Flugzeug

Der Abschied fällt Russo und ihrem Team schwer. «Wir haben so viel erlebt hier drin. Eine Kollegin hat hier ihren Hochzeitsantrag bekommen, eine andere wurde im Laden als Model entdeckt. Wir haben Fotos von unseren Kund*innen aufgehängt, uns als Samichlaus verkleidet…», zählt Redzepi auf. Auch Russo ist sich sicher: Der Spirit des Ladens wird fehlen. Ein Vater habe ihr schon ganz besorgt einen Brief geschrieben und sie gefragt, woher sein Sohn denn in Zukunft sein Brötchen bekommen solle. «Das konnte ich ihm leider nicht beantworten.»

Wo sie selbst in Zukunft ihre Brötchen verdienen wird, weiss die Ladenbesitzerin genauso wenig. Ihr Wunsch wäre es, im Seefeld einen kleinen Laden aufzumachen. Ihre treue Kundschaft würde ihr bestimmt auch dorthin folgen. Aber für die kurzen Kaffeepausen müssen sich die Studierenden wohl doch einen neuen Treffpunkt suchen.