Zürcher Studierendenzeitung

In der Allmend stehen jeden Samstag hunderte Menschen für Lebensmittelpakete an.
In der Allmend stehen jeden Samstag hunderte Menschen für Lebensmittelpakete an. Una Rusca

Armutsbekämpfung von unten

Ein ehemaliger Sans-Papiers hat mit «Essen für Alle» ein Projekt zur lokalen Armutsbekämpfung gestartet. Wöchentlich versorgt er damit hunderte Menschen. Ein Bericht.

Eine reiche Stadt in einem noch reicheren Land: Mit Armut wird man in Zürich selten konfrontiert. Zwischen Kaffeetrinken und Ausgang ist es einfach, sie gar zu vergessen. Doch es gibt sie – und an einem kühlen, sonnigen Samstag im Februar wird sie für mich sichtbar. Beim Standort der Freiwilligenorganisation «Essen für Alle» stehen bereits um 11 Uhr viele Leute in Schlangen an. Sie warten auf eines der Hilfspakete der NGO. Manche werden Stunden anstehen müssen. Die letzten Pakete werden um 17 Uhr ausgeteilt.

Schichten treffen aufeinander

Jeden Samstag stehen 500 bis 700 Bedürftige für Wochenpakete mit Grundnahrungsmitteln und Hygieneartikeln an. Sie kommen in jedem Alter, bei jedem Wetter. Während manche auf Stühlen sitzen, weil sie nicht so lange stehen können, rennen Kinder umher und versuchen die Zeit totzuschlagen. Die meisten kommen mit der Familie. 150 bis 200 Freiwillige arbeiten in Schichten den ganzen Tag, um Hilfe zu leisten. Geld verdient hier niemand, alle Spenden gehen direkt in den Kauf von lebensnotwendigen Ressourcen wie Reis und Öl.

Viele Freiwillige sind schon seit früh morgens da, um alles vorzubereiten. Teils sind die Teams schon eingespielt, aber es gibt auch jede Woche viele neue Gesichter, wie mir erzählt wird. Die jüngsten Helfer*innen sind erst zehn Jahre alt, die ältesten bald neunzig. Hier treffen Menschen aus allen möglichen sozialen Schichten und Altersgruppen aufeinander, um sich zusammen gegen Armut einzusetzen. Anmelden kann man sich für die Arbeitsschichten ganz einfach übers Internet. Auch wenn viele immer wieder kommen, fehlen oft noch einige helfende Hände.

Ein niederschwelliges Projekt

«Essen für Alle» zeichnet aus, dass man weder seine finanziellen Situation noch ein Ausweispapier offenlegen muss. Es ist eben Essen für alle. Für viele Sans-Papiers ist die Organisation sehr wichtig. Laut Schätzungen leben im Grossraum Zürich rund 20’000 Menschen ohne gültige Papiere, obwohl manche von ihnen sogar in der Schweiz geboren wurden. Sie können oft keiner regulären Arbeit nachgehen und durch Corona verschlechterte sich ihre Situation weiter.

Amine Conde, der 24-jährige Gründer des Projekts, kennt diese Probleme. Mit nur 16 Jahren flüchtete er allein aus Guinea. Sechs Monate lang ging es übers Mittelmeer in die Schweiz. Alleine, ohne jegliche Unterstützung, aber voller Hoffnung. Conde berichtet über sein Leben auf der Flucht: «Man fühlt sich wie ein Tier, alles kann dir passieren, man kann nirgends klagen, sich nicht wehren. Meine Rechte wurden mir genommen.» Nachdem er schon drei Jahre und sieben Monate lang in der Schweiz lebte, wurde sein Asylgesuch abgelehnt, er sollte zurück nach Guinea. Doch Conde wollte das nicht hinnehmen. Er lebte als Sans-Papiers in Zürich, schloss die Sekundarschule ab und lernte Deutsch. Im Januar 2021 erhielt er endlich die Aufenthaltsbewilligung B. In den Jahren davor leistete er Freiwilligenarbeit. Das Projekt «Essen für Alle» rief Conde an der Autonomen Schule Zürich (ASZ) ins Leben. Während des ersten Lockdowns verteilte er in den Räumlichkeiten der Schule Mahlzeiten an Bedürftige. Nachdem die ASZ diese jedoch wieder selbst benötigte, konnte die Freiwilligenorganisation in die ungenutzte SBB-Kantine an der Hohlstrasse in Zürich-Altstetten einziehen. Das Projekt gewann schnell an Aufmerksamkeit und wurde zu einer wichtigen Stütze für hunderte Menschen. Anfang 2021 zog «Essen für Alle» schliesslich in den jetzigen Standort in der Allmend. Das Projekt ist bereits in sieben weiteren Kantonen tätig.

«Wir dürfen nicht wegschauen»

Die Schweiz verfügt über ein vergleichsweise gutes Sozialsystem, doch davon können nicht annähernd alle profitieren. Conde erklärt hierzu: «Auch in Zürich gibt es viel Armut, doch wenn man arbeitet und im System integriert ist, bekommt man davon oft nichts mit.» Ein riesiges Problem sei, dass nicht alle Sozialhilfe beantragen könnten. Denn um Sozialhilfe zu beziehen, muss man im Besitz einer Niederlassungs- oder Aufenthaltsbewilligung sein. Wer jedoch über längere Zeit Sozialhilfe bezieht, dem kann die Niederlassungsbewilligung entzogen werden. Auf die Frage, wie man etwas an der Armut in Zürich ändern könnte, meint Conde: «Die Sozialhilfe sollte unabhängig von einer Niederlassungs- oder Aufenthaltsbewilligung sein. Ausserdem braucht es in unserer Gesellschaft mehr Solidarität. Es gibt Leute, die haben viel und Leute, die haben gar nichts. Wir müssen aufeinander schauen.» Es sei wichtig, Armut nicht zu einem Tabuthema zu machen: «Sie wird nicht verschwinden, wenn wir uns nicht damit auseinandersetzen und wegschauen.» Denn viele seien sich nicht bewusst, dass auch in der Schweiz einige arme Menschen Hunger leiden.

Condes Arbeit zeigt, dass durch freiwilligen Einsatz viel bewegt werden kann. Das Projekt konnte sich etablieren und wird von diversen Gönner*innen und Partner*innen unterstützt. Dennoch betont Conde die Wichtigkeit kleiner Gesten: «Man muss nicht reich sein, um anderen Menschen zu helfen. Es braucht Leute in der Gesellschaft, die sich für andere einsetzen.» Wenige Stunden im Monat, in denen man sich für Bedürftige einsetzt, können schon einen grossen Unterschied machen. Bei «Essen für Alle» erlangt man Verständnis füreinander und reflektiert dabei auch die eigene Position in der Gesellschaft.

Die Hilfsorganisation versorgt nicht nur hunderte Personen mit lebensnotwendigen Produkten, sondern bringt auch Menschen aus verschiedenen Kreisen zusammen. So macht das Projekt Armut in Zürich sichtbar, die nicht ignoriert werden sollte. Die Ursachen der Armut kann «Essen für Alle» jedoch nicht bekämpfen. Dafür müsste auf institutioneller Ebene etwas geschehen. Denn langfristig kann es nicht die Aufgabe privater Organisationen sein, die Grundversorgung von hunderten Familien in dieser reichen Stadt zu gewährleisten.