Die Biblioteka komebëtare e Kosovës in Pristhina. Oliver Camenzind

Der Betonpalast von Prishtina

Kosovos Nationalbibliothek ist ein Paradebeispiel für gealterte Avantgarde.

21. September 2019

Ein junger Mann mit Brille und Rucksack tritt aus dem Lesesaal und zieht vorsichtig die dunkle Holztür hinter sich zu. Seine Schritte hallen in der Eingangshalle wider, während er die weiss-schwarzen Steinstufen hinunter Richtung Ausgang und vorbei am Flügel unter der roten Haube aus Samt geht. An den Wänden erinnern Porträts von einflussreichen Akademikern und Politikern an die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte des Landes. Benannt wurde die Bibliothek nach Pjetër Bogdani, der im 17. Jahrhundert als Bischof amtete und als einer der bedeutendsten albanischen Autoren gilt.

Der Flügel steht ein bisschen verloren in der Eingangshalle herum.

Von diesem Prunk ist nicht mehr viel zu sehen, wenn man die National- und Universitätsbibliothek Kosovos verlässt und in den Park davor tritt. Die Wiesen sind karg und vertrocknet, streunende Hunde huschen vorbei.

Auch die Innenarchitektur der Bibliothek ist ungewöhnlich.

Trotzdem ist die Biblioteka komebëtare e Kosovës, wie sie auf Albanisch heisst, weltberühmt. Das liegt an ihrer ausgefallenen und einzigartigen Architektur aus den späten Siebzigern. Von 2018 bis 2019 war das Gebäude sogar in der Ausstellung «Toward a concrete utopia» im New Yorker Museum of Modern Art abgebildet, die sich mit der Architektur Jugoslawiens beschäftigte.

Das analoge Bücherverzeichnis ist der Bibliothek erhalten geblieben. Es wird von einem Aufpasser bewacht und darf nicht berührt werden.